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Die Kunst der Frauen

complete Magazin 09/23

Im Bregenzerwald zeigt sich, was eine ländliche Region dem Trend gegen das Landleben entgegensetzen kann: kulturelles Engagement von Frauen in erfolgreichen Institutionen. Sandra Pöltl im kulturverein bahnhof, Stefania Pitscheider Soraperra sowie Margret Broger und ihr Frauenteam im Frauenmuseum und das Angelika-Kauffmann-Museum beweisen es.

Das einzige Frauenmuseum der Welt am Land steht in Hittisau
© FMH / Ines Agostinelli
Einst Station der Bregenzerwälder-Schmalspurbahn, jetzt Kunstverein: der bahnhof in Andelsbuch
© Lukas Haemmerle
Sandra Pöltl leitet den kunstverein bahnhof in Andelsbuch
© Richard Ruescher
Der Barockmalerin Angelika Kauffmann ist das Museum in Schwarzenberg gewidmet
© Marion Hirschbühl

Beeindruckend sind seine Bergwelt und seine Täler, die meisten Holzhäuser, Wirtshäuser und Hotels. Der Bregenzerwald, kurz „Wald“, könnte ein Vorbild für ländliche Regionen sein, die sich mannigfaltiger Probleme erwehren müssen. Zu diesen gehört vor allem auch die Abwanderung junger Frauen in die Stadt. Im Bregenzerwald kommen viele von ihnen nach einem Stadtaufenthalt, meist in Innsbruck oder Wien, wieder aufs Land zurück.

Der kulturverein bahnhof in Andelsbuch

Etwa Sandra Pöltl. Sie hatte einige Jahre in Wien gelebt und war dann wieder in den „Wald“ zurückgekehrt. Heute leitet sie eine wichtige Kultureinrichtung im Bregenzerwald, den kulturverein bahnhof in Andelsbuch. Zuvor hatte sie ihn bis zu ihrem Weggang nach Wien jahrelang unterstützt, die Grafik gestaltet und an den Konzertabenden an der Bar ausgeholfen.

Auch ihre langjährige Vorgängerin, die aus Krems stammende Margret Broger, war hierher aufs Land gezogen. Kultur ist offenbar etwas für Frauen und kann sie ans Land binden.

Brogers Engagement machte den bahnhof weit über die Grenzen des Walds hinaus bekannt. Sie gab zahlreichen, damals unbekannten Musikern wie Herbert Pixner die Chance, erste Auftrittserfahrungen zu sammeln. Die legendäre Band „holstuanarmusigbigbandclub“ wurde auf Brogers Initiative im bahnhof gegründet. Ihre Mitglieder sind heute in ganz Österreich als Musiker tätig.

Sandra Pöltl setzt mit ihrem Team eigene Akzente. Ein nachhaltiges Zusammenleben auch mit der Umwelt ist mittlerweile fixer Bestandteil des Programms. Dazu gehört auch fallweise ein „Reparatur-Café-Nachmittag“. „Er hat viele Menschen aus dem Tal zum ersten Mal in den bahnhof geführt“, sagt Pöltl. „Es ist ja auch Kultur, wenn das Dorf zusammenkommt und im bahnhof Altes für die Zukunft repariert. Hauptsächlich aber zeigen wir Musik, Literatur, Kunst oder Kabarett aus Richtungen, die man noch kaum kennt. Der bahnhof fasst rund hundert Besucher:innen, bietet also einen intimen Rahmen, um Welten zu öffnen.“

www.bahnhof.cc

Das weltweit einzige Frauenmuseum am Land

Margret Broger ist ein paar Dörfer weitergezogen, aus Andelsbuch nach Hittisau, und arbeitet nun als Obfrau eines Trägervereins. Er betreibt die bekannteste Kultureinrichtung des Bregenzerwaldes – sieht man von der Schubertiade in Schwarzenberg ab – das Frauenmuseum in Hittisau. Brogers Aufgabe besteht vor allem darin, der Direktorin des Museums, Stefania Pitscheider Soraperra, und ihrem Team aus Frauen der Umgebung den Rücken für ihre Tätigkeit freizuhalten. Über zwanzig Frauen zwischen 18 und 88, die sich als Kulturvermittlerinnen verstehen, engagieren sich für das Museum und führen durch Ausstellungen wie die aktuelle: „Blitzblank! – vom Putzen“. Diese Tätigkeit gilt immer noch als Frauenarbeit. Was es im größeren Rahmen unserer Gesellschaft bedeutet, sich mit „Materie am falschen Platz“ zu beschäftigen, wie man „Schmutz“ auch definieren kann, versucht die Schau deutlich zu machen.

Die Museumsdirektorin Stefania Pitscheider Soraperra leitet eine Institution, der auch durch Preise wie den Österreichischen Museumspreis bescheinigt wird, ein hervorragendes Beispiel für Kulturarbeit im ländlichen Raum zu sein. Das Frauenmuseum ist weltweit das einzige am Land. Eine solche Einrichtung kann offensichtlich mit dazu beitragen, junge Frauen in einer ländlichen Region zu halten. Sie sorgen im Dorf oder in einen Landstrich dafür, dass das Leben hier trotz aller Probleme, denen sich auch die Kulturhauptstadt 2024 widmen wird (siehe nächsten Beitrag), eine Zukunft hat. Land ohne Frauen geht zugrunde. Kultur am Land, in der sich Frauen wie im Frauenmuseum engagierten können, hingegen bietet eine wesentliche Basis für ihr Bleiben.

Dafür ist allerdings ein hartnäckiger, kluger und mitunter selbstloser Einsatz gefordert, wie ihn Stefania Pitscheider Soraperra als Direktorin des Frauenmuseums seit Langem leistet. Der Erfolg des Museums ist umso höher zu bewerten, als er oft gegen Widrigkeiten errungen werden musste – nicht zuletzt den Stolz der Männer im „Wald“. Einige sind nun immerhin auch auf das Frauenmuseum stolz.

www.frauenmuseum.at

Das einzigartige Angelika-Kauffmann-Museum

Stolz war einst auch ein Mann auf seine Tochter: der aus Schwarzenberg stammende und im schweizerischen Chur lebende Maler Johann Joseph Kauffmann. Am 30. Oktober 1741 wurde seine Tochter Angelika geboren. Er bildete sie zur Künstlerin aus und gestaltete 1757 mit ihr gemeinsam den Innenraum der Kirche in Schwarzenberg.

Dass die Haushaltsführung selbst für einen Bregenzerwälder keine unmögliche Beschäftigung ist, bewies Johann Joseph, als seine Tochter mit ihrer Kunst zu Ruhm gelangte. Er unterstützte die seit 1766 in London tätige Angelika, 1768 neben Mary Moser als einzige Frau bei der Gründung der Royal Academy zugelassen. Als Künstlerin international gefeiert, fühlte sie sich dennoch Schwarzenberg, dem Geburtsort ihres Vaters, ein Leben lang verbunden. Sie starb am 5. November 1807 hochgeachtet in Rom.
Schwarzenberg stiftete ihr ein eigenes Museum in einem uralten Bregenzerwälder Bauernhaus. Es wurde vom in Mellau geborenen Architekten Helmut Dietrich entworfen, der mit dem Büro Dietrich | Untertrifaller, vielfach ausgezeichnet, international tätig ist. In Wien etwa stammt der Zubau zur Stadthalle von diesen Architekten.

Dietrich nennt den Umbau des Hauses zum Angelika-Kauffmann-Museum sein liebstes Projekt. Wer es einmal besucht hat, kann verstehen, warum. Die Verbindung von einem alten Zweckbau Bauernhaus mit einem zeitgenössischen Zweckbau Museum ist hier auf besonders elegante Weise gelungen.

Angelika Kauffmann war das Leben in besseren Kreisen einer Großstadt gewohnt. Wie das Wohnen zu ihrer Zeit im ländlichen, wenn auch recht vermögenden Schwarzenberg ausgesehen hat, vermittelt ein Rundgang durch ihr Museum. Es dient auch als Heimatmuseum und zeigt bäuerliche Alltagskultur. So liegen großstädtische Kunst mit den Ausstellungen einer erfolgreichen Kulturschaffenden und bäuerliche Kultur Wand an Wand. Möglicherweise ein Vorbild für andere Talschaften, die ähnlich lebenswert bleiben möchten wie der Bregenzerwald. Es kommt halt auf die Frauen und ihr Engagement für Kultur an.

angelika-kauffmann.com  

© Freiraum Apartments

TIPP

Marion Kaufmann vermietet in einem modernen Holzbau am Fuß des Gopfberges in Mellau die "Freiraum Apartments".

Andelsbuch: „Jöslar“. Lokal, Laden, Kino. The Place To Be. Spezialität: Getränke und Einheimische.

Hittisau: „Ernele“. Lokal und Ladenwirtschaft im Hotel „Das Schiff“. Im Schiff steigen Bundespräsidenten ab, ins Ernele gehen Feinschmecker:innen.

Schwarzenberg: „Gasthof Adler“. Gleich neben dem „Hirschen“. Beide Platzhirsche mit köstlicher Küche, der Adler vielleicht eine Spur jünger in allem.

 

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